Autor Thema: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale  (Gelesen 1409 mal)

Offline Häger

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Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« am: 14 Juni 2015, 08:22:39 »
Fürs aktuelle www.scale-magazine.com durfte ich eine kleines Erlebnis niederschreiben, hier die ungekürzte Fassung :-)


Puuuh; manchmal ist das Leben wirklich hart und ungerecht.
Besonders das eines Anglers, so kommt es mir zumindest seit dem 26.05.2014 vor.

Es vergeht kaum eine Woche, in der ich nicht an diesen sonnigen Tag  mitten in Dänemark  denken muss,
ein regelrechtes Salmoniden-Trauma verfolgt mich seitdem. Als meine Frau davon erfuhr, dass ich mich hier
an passender Stelle verewigen darf, musste sie laut lachen und meinte“ ist doch gut, wenn Du darüber schreiben darfst….
dann verarbeitest Du es vielleicht endlich mal“.

Nun, ich muss zugeben; hin und wieder habe ich wohl etwas gejammert, besonders in der Schonzeit, wenn man die
positiven und negativen Erlebnisse am Wasser Revue passieren lässt. Komischerweise vergisst man viele, oder sie bleiben
nur schemenhaft in den grauen Zellen hängen, andere hingegen sind so fest eingebrannt, dass man sie gar nicht mehr los
wird. Fast wie bei einem er- und überlebten Unfall  kommen immer wieder die Bilder hoch und man hat es genau vor seinem
inneren Auge…  Auge in Auge mit „DEM“ Fisch. Schöner und stärker als alle anderen, die man je an seiner Rute spüre durfte.

Tja, wer den Schaden hat….
Aber zurück auf Anfang.

Nachdem mich Kumpel Dennis  Phil die vergangenen Jahre immer wieder vergeblich mit an irgendwelche  Dänischen Auen
geschleppt hat, um  mich mit den großen aufsteigenden Meerforellen bekannt zu machen, wollten wir bei dieser Tour mal etwas
anderes machen. Vielleicht hatte Dennis Phil auch nur einfach Mitleid mit mir, denn egal was ich versucht habe- ich betone das
Wort „ich“, denn bei Dennis sah es anders aus…irgendwie scheint er Meeforellenblut in seinen Adern zu haben- nicht eine
Salmonide verirrte sich an meinen kleinen Spinner oder tieflaufenden Wobbler.

Sogar des Nachts schlichen wir mit der Fliege über einsame nasse Kuhweiden, wirklich tolle Erlebnisse.  Die Meerforellen fanden
aber nur eine Tubenfliege wirklich toll- die von meinem Begleiter mit dem Meerforellenblut! In diesem warmen Frühsommer sollte
es auf Dänischen Steinbutt an der Nordseeküste gehen und wenn man den Dänischen Magazinen und den Berichten von Dennis
Dänischen Bekannten Glauben schenken darf, ist dies fast ein Selbstgänger.

So einfach war es dann doch nicht, und wir fingen nicht einen mit den mühselig beschafften Sandaalen. Eigentlich sollte Dänemark
ja des Anglers Traum sein, bei mir wurde es immer mehr zum Albtraum. Mittlerweile  sah ich unsere Trips ins Nachbarland mit den
roten Würstchen eher als entspannte Klönschnackrunde mit der Angel in der Hand. Der anglerische Biss  der vergangenen Jahre ist
jedenfalls irgendwo zwischen Hamburg und Annis Imbiss an den Ochseninseln buchstäblich auf der Strecke geblieben.

Wenn alles passt, wird hier immer der erste Dänische Hot Dog Stop eingelegt. Schon lange ist der kleine Bretterverschlag  an der
Flensburger Förde kein Geheimtipp mehr. Angler und Biker drücken sich hier die Klinke in die mit Senf verschmierte Hand und sind
davon überzeugt den besten Dänischen Hot Dog in Ihren Händen zu halten- ob dies wirklich so ist, weiß wohl nur Anni selbst.
Aber keine Frage, lecker ist er.

Nun ja, so fischten wir weiter und wechselten an diesen Tagen zwischen Küste und Dänischer  Au. Je nachdem wie die Tide war, die
Bedingungen beim geschmackvollen „Nichtsfangen“ sollten ja wenigstens stimmen.  Ehrlich gesagt war ich ganz beruhigt, dass durch
Dennis Venen scheinbar kein Plattfischblut fließt. So richtig glücklich guckte er jedenfalls nicht aus seiner Wathose, als er versuchte im
Spülsaum der Nordsee den Schleim von den nicht unbedingt gut riechenden Köderfischen von seinen Händen zu waschen.  So ganz
kann ich mich damit eh nicht anfreunden, kleine Fische zu töten um damit größere zu fangen, aber dies ist wohl ein eher ethisches
Thema, welches gern an anderer Stelle bearbeitet werden darf.

Langsam wurde ich beim Angeln immer entspannter und dachte heimlich an meine geliebten Hechte Zuhause. Diese mochten mich
deutlich lieber. Warum in die Ferne schweifen, wenn….? Auf dem kurzen Weg vom Küstenabschnitt zu dieser Mini Au, in der man als
normal Angler eigentlich gar keinen Fisch erwarten dürfte, schnackten wir locker und machten uns schon über uns selbst lustig,
was wirhier für einen Quatsch fabrizieren.

Nachdem wir nach einigen Minuten an dem kleinen Parkplatz und der noch kleineren Au angekommen waren, entschieden wir uns, dass
jeder eine Uferseite abfischen würde. Dennis erklärte mir nochmal, wo der Spinner genau platziert werden müsse, um die Meerforellen zu
reizen. Ja ne, ist klar! Machen wir so! Also wanderten wir langsam und vorsichtig den kleinen Graben flussauf und führten unsere Spinner
mit dem Strom dicht an den vorhandenen Krautfahnen vorbei. Bei den einzelnen Würfen dachte ich eigentlich an nichts, an was auch?

Fisch wird hier eh nicht sein, also nahm ich das Prozedere als kleine Wanderung bei schönstem Frühjahrswetter war. Eine Kröte hüpfte von
mir aufgeschreckt flüchtend in die Au, Vögel deren Namen ich nicht kenne,  tobten miteinander durch die angewärmte Luft und  durch meine
Rute schoss ein Blitz bis ins Herz meiner Eingeweide!

Innerhalb von einer Zehntelsekunde wurde ich aus meinem Trancezustand gerissen und lief auf Highspeed. Genau wie mein gegenüber am
anderen Ende der Schnur! Ich angele schon seit frühster Jugend und konnte schon  den einen oder anderen schönen Meterhecht  fangen,
aber dies fühlte sich, an der wohl doch zu schwabbeligen Rute, an als ob ich einen Mittelklassewagen gehakt hätte. Der Biss war wie ein Knall
und der Fisch schoss ohne Vorwarnung den Fluss, Verzeihung Graben, hoch um direkt wieder auf mich zu zu rasen. Ich war kaum in der Lage
die Rolle schnell genug zu betätigen, um Kontakt zu dem Fisch zu halten.  Während ich mit schlotternden Knien im matschigen Gras stand,
rief Dennis, der mir mittlerweile Gegenüber stand „LACHS!!!!“

Ja ne, ist klar! Als wir auf dem Weg vom Auto zum Graben waren, meinte Dennis schon, „schöner Sonnenschein, das mögen die Lachse, die
Meerforellen nicht so gern.“ Ich war, wie schon erwähnt, gedanklich bei meinen Hechten im Plöner See und hätte mich über einen Barsch gefreut.
Und nun das.
Meine verwendete Rute hat ein Wurfgewicht von 8-32g, halt das klassische Ding, um Grönländer an der Ostholsteinischen Küste zu fangen, jetzt
sehnte ich mir meine Hechtrute herbei. Nichts konnte ich ausrichten. Dennis lachte unentwegt und meine Knie wurden immer weicher, während
am Spinner der Fisch tobte. Dennis rief mit seinem Grundschuldänisch den einheimischen Fischereiaufseher, der kurz zuvor unsere Köder auf
angedrückte Widerhaken kontrolliert hat und auf meiner Seiter der Au stand.

Der nette ältere Herr stolperte mit seinen Gummistiefeln über den Acker und gesellte sich zu mir, genau wie der Fisch. Tatsächlich ein Lachs!
Silberblank und wohl um die 90cm lang. Die Salmonide stellte sich, noch längst nicht ausgedrillt, einfach direkt vor meine Füße und ruhte sich
scheinbar aus. Tja, was nun….warten bis das Kraftpaket wieder losschießt und vielleicht im Kraut verlustig geht? Never! Also, der nette ältere Herr
ergriff meinen etwas betagten  Kescher, tauchte Ihn ins Wasser, um den Salm von hinten  in die Maschen zu bugsieren, meine Knie wurde immer
weicher und ich konnte eigentlich gar nichts tun und hoffte, dass gleich der silberne Fisch neben mir im Gras liegt.

Da lag ich aber nun alleine! Als das nass triefende Keschernetz aus dem dunklen Auwasser kam hing da nur der kleine 4er Mepps im Firetigerdekor
und der Fisch verabschiedete sich mit einem schönen Schwall. Zeitgleich lies ich mich nach hinten in die Rabatten fallen.
Mein Herz schlug immer noch bis zum Anschlag, Dennis stand keine 3 Meter entfernt auf der anderen Auseite und war sichtlich erschüttert über das
gerade erlebte  und die freundliche Kescherhilfe meinte mit dem typisch netten Dänischen Akzent“ der Kescher ist aber auch nicht so gut“.

Bitte nicht falsch verstehen, ich denke, der Fisch wäre auf jeden Fall verlustig gegangen,  und den Dänen  trifft keine Schuld. Hätte ich gewartet bis
der Lachs wieder los schießt, hätte er sich wohl an der nächsten Biegung der Au verabschiedet und hätte ich selber  versucht den Fisch zu Keschern,
wäre es wohl auch kaum geglückt, da ich mich mit meinen Gummibeinen kaum auf den selbigen halten konnte.
Meine Frau sagt immer, „alles Schicksal und vorher bestimmt.“ 
Dies gibt mir ein gutes Gefühl und ich denke, dass Schreiben dieser Zeilen lässt mein Salmoniden-Trauma tatsächlich etwas schwinden.

Im Übrigen fahre ich in 2 Tagen wieder mit Dennis Phil nach Dänemark, diesmal aber an die Küste,
da in den kleinen Dänischen Gräben ja eh keine Fische sind…..

Eurer Stepan.

Offline Pälzer-Buu

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Re: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« Antwort #1 am: 14 Juni 2015, 10:14:53 »
Sehr schön geschrieben Stephan! Verdammt ärgerlich. Man fühlt das Leid quasi mit dir  :-)
Die Lachse sind heftig. Der Drill macht jedoch eine Menge Spaß!
(adäquates Equipment vorausgesetzt  :wink:)

Offline Luke

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Re: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« Antwort #2 am: 14 Juni 2015, 10:25:11 »
 :schock: :schock: :schock:

Stephan, Respekt,
wirklich selten habe ich bereits bei Beginn eines Berichtes so gebannt gelesen,
an jedem Absatz gewartet, was kommt als nächstes
und dann im Hauptteil so angespannt und so Krass mitgefiebert !

Auch ohne Bild, ohne Fang, ist das ein MEGA Toller Beitrag.
Danke für die Kurzweil mit diesem tollen Schneider Beitrag :freude:

Grüße
Luke

Offline dominik sabalo

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Re: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« Antwort #3 am: 14 Juni 2015, 12:40:04 »
Suuuuuppppperrr  :freude:

Stephan ganz toll geschrieben.

Das sind die Trips die einem auch ohne Fisch im Gedächtnis bleiben.
„Und als Du entschiedst, mein Gott, dass die Konföderation verlieren sollte, wusstest Du, dass Du zunächst Deinen Diener, Stonewall Jackson, aus dem Weg räumen musstest.

Offline Mekongwels

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Re: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« Antwort #4 am: 14 Juni 2015, 19:27:45 »
Gefällt mir sehr gut!
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Offline Häger

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Re: Schneidergeschichte aus der aktuellen scale
« Antwort #5 am: 14 Juni 2015, 20:29:24 »
Danke schön :-)

mit Glück ist in der kommenden Ausgabe wieder was von mir, dann aber mit Fisch ;-)